Digital Calibration Certificate: Kalibrierdaten, die Maschinen lesen
Ein akkreditiertes Labor bestimmt einen Messwert mit großem Aufwand bis auf die letzte belastbare Stelle, und beim Kunden tippt jemand das Ergebnis von Hand aus einem PDF in die Prüfmittelverwaltung. Genau diese Bruchstelle will die internationale Metrologie schließen. Seit Juni 2026 liegt sogar das Internationale Einheitensystem selbst in maschinenlesbarer Form vor.
Das Digital Calibration Certificate und der Weg zur digitalen Metrologie
Ein PDF ist digital, aber noch nicht maschinenlesbar
Ob ein Digital Calibration Certificate vorliegt oder nur ein elektronischer Kalibrierschein, entscheidet nicht der Dateityp, sondern die Frage, ob Software die Werte ohne menschliche Hilfe versteht. Gemeint ist ein strukturierter, kryptografisch signierter Datensatz im XML-Format, der alle Angaben einer Kalibrierung so enthält, dass ein Programm sie direkt übernehmen kann. Im Deutschen hat sich dafür auch der Begriff digitaler Kalibrierschein eingebürgert, die gängige Abkürzung lautet DCC.
Ein PDF dagegen ist für eine Maschine kaum mehr als ein Bild aus Buchstaben. Das britische National Physical Laboratory nennt den PDF-Schein deshalb die digitale Form des Papierscheins, ausdrücklich aber kein DCC. Möchten Sie die Werte weiterverwenden, bleibt nur das Abtippen oder ein mühsames Herauslösen aus Tabellen.
Als Kalibrierlabor kennen wir beide Seiten dieses Vorgangs. Die ZERA GmbH betreibt in Königswinter seit 2000 ein DAkkS-akkreditiertes Labor, dessen Ergebnisse auf die nationalen Normale der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) zurückgehen. Worin sich beide Formate im Alltag unterscheiden, fasst die Übersicht zusammen:
| Merkmal | PDF-Kalibrierschein | Digital Calibration Certificate |
|---|---|---|
| Adressat | Mensch | Mensch und Software |
| Übernahme der Werte | von Hand oder per Texterkennung | automatisch aus definierten Feldern |
| Einheit und Messunsicherheit | als Text in Tabellenspalten | als eindeutig benannte Datenelemente |
| Echtheitsnachweis | Unterschrift, Stempel, ggf. PDF-Signatur | kryptografische Signatur des gesamten Datensatzes |
| Weiterverwendung | Ablage und Archiv | Prüfmittelverwaltung, Unsicherheitsbudget, Auswertung |
Nicht jedes Digital Calibration Certificate ist heute schon vollständig maschinenverständlich. Welche Angaben in welchem Feld stehen, unterscheidet sich je nach Messgröße noch spürbar. Die internationale Abstimmung darüber läuft.
Wie stark sich der Unterschied auswirkt, zeigt sich vor allem bei der Menge. Eine Prüfstelle mit Dutzenden Referenz- und Prüfzählern erhält jedes Jahr entsprechend viele Kalibrierscheine, jeder mit zahlreichen Messpunkten. Jeder von Hand übertragene Wert ist eine Gelegenheit für einen Zahlendreher, den später niemand mehr bemerkt.
Aufbau eines Digital Calibration Certificate
Entwickelt wird das Format seit 2017 an der PTB, das Datenmodell für Messwerte stammt aus dem europäischen Forschungsprojekt SmartCom, weiterentwickelt wurde es unter anderem im Verbundprojekt GEMIMEG-II.
Laut PTB genügt ein Digital Calibration Certificate dem, was die DIN EN ISO/IEC 17025 von akkreditierten Laboren verlangt. Als stabile Grundlage gilt das XML-Schema in der Version 3.3.0 von Ende Oktober 2024, die Version 3.4.0 liegt seit September 2026 als Vorabversion vor. Inhaltlich gliedert sich jeder Datensatz in vier Bereiche:
- Administrative Daten: Kalibriergegenstand, Labor, Auftraggeber und verantwortliche Personen in festen, eindeutig identifizierbaren Feldern
- Messergebnisse: jeder Wert mit Einheit, Messunsicherheit und den Bedingungen, unter denen er entstand
- Kommentare und Grafiken: ein wenig regulierter Bereich für Erläuterungen, Diagramme oder angehängte Dateien
- Menschenlesbare Darstellung: eine Ansicht, die dem vertrauten Kalibrierschein entspricht und sich ausdrucken lässt
Messwert, Einheit und Unsicherheit als zusammengehöriger Datensatz
Am deutlichsten zeigt sich der Fortschritt im zweiten Bereich. Nehmen wir die Kalibrierung eines Prüfzählers: Für jeden Lastpunkt entsteht eine Messabweichung in Prozent, dazu eine erweiterte Messunsicherheit mit ihrem Erweiterungsfaktor, meist k = 2. Im PDF stehen diese Angaben in einer Tabellenzeile, deren Bedeutung sich nur aus den Spaltenköpfen erschließt.
Wie sieht dasselbe Ergebnis im DCC aus? Nach dem Datenmodell D-SI trägt jeder Wert seine Einheit, seine Unsicherheit, den Erweiterungsfaktor und den Zeitpunkt der Messung in eigenen Datenelementen. Erst dadurch werden maschinenlesbare Kalibrierdaten im eigentlichen Sinn daraus, denn ein Programm muss nichts mehr erraten.
Bei elektrischen Messgrößen kommt einiges an Kontext hinzu. Spannung, Strom, Frequenz und Phasenwinkel eines Lastpunkts gehören untrennbar zum Ergebnis, ebenso die Umgebungstemperatur während der Messung. Damit nichts davon verloren geht, führt das Digital Calibration Certificate diese Größen gesondert auf. Eine Software erkennt dann zum Beispiel, ob ein Prüfzähler bei induktiver Last anders abweicht als bei ohmscher.
Signatur statt Stempel
Woran erkennt eine Software, dass ein Datensatz echt und unverändert ist? Beim Digital Calibration Certificate übernimmt das eine kryptografische Signatur, die Herkunft und Unversehrtheit des gesamten Dokuments belegt. Falls jemand nachträglich auch nur eine Zahl ändert, schlägt die Prüfung sofort fehl. Gerade bei Kalibrierscheinen, die über viele Jahre als Nachweis im Audit dienen, gewinnt diese Eigenschaft an Gewicht.
Zum Verbund QI-Digital, in dem PTB und DAkkS dafür zusammenarbeiten, gehören außerdem BAM, DIN sowie DKE. Die DAkkS hat ein digitales Akkreditierungssymbol entwickelt, das auf einer Infrastruktur nach der europäischen eIDAS-Verordnung beruht und in einer Pilotphase erprobt wurde. Heute belegt bei uns die Akkreditierung, dass ein Kalibrierergebnis belastbar ist, künftig soll das zusätzlich im Datensatz selbst nachprüfbar sein.
Der SI Reference Point macht die Einheiten selbst maschinenlesbar
Am 18. Juni 2026 hat das Internationale Büro für Maß und Gewicht (BIPM) die erste stabile Version des SI Reference Point veröffentlicht. Er übersetzt die SI-Broschüre, das Grundlagenwerk des Einheitensystems, in eine Form, die Software direkt auswerten kann. Erarbeitet haben ihn Fachleute im Forum für Metrologie und Digitalisierung (FORUM-MD) des Internationalen Komitees für Maß und Gewicht.
Das BIPM nennt vier Ziele: Messinformationen sollen sich austauschen und wiederverwenden lassen, die metrologische Rückführbarkeit soll auch digital funktionieren, Messgeräte und Sensornetze sollen einheitlich kommunizieren. Ausdrücklich gehört dazu die Harmonisierung digitaler Kalibrierzertifikate und digitaler Zertifikate für Referenzmaterialien. Für jedes Digital Calibration Certificate entsteht damit ein gemeinsamer Bezugspunkt, auf den sich seine Einheitenangaben stützen können.
Zwei Ebenen, die oft verwechselt werden
Obwohl beide Vorhaben eng zusammenhängen, beschreiben sie Verschiedenes. Ein Digital Calibration Certificate dokumentiert eine einzelne Kalibrierung eines bestimmten Geräts zu einem bestimmten Zeitpunkt. Der SI Reference Point beschreibt dagegen, was eine Einheit ist und wie sie mit anderen Einheiten zusammenhängt.
Wie wenig akademisch dieser Unterschied ist, zeigt die Elektrotechnik. Leistung in Watt, Arbeit in Kilowattstunden und eine relative Messabweichung in Prozent lassen sich in Textform leicht verwechseln oder uneinheitlich schreiben. Zwei Programme, die denselben Datensatz lesen, sollten zum selben Ergebnis kommen. Genau das stellt eine eindeutige, maschinenlesbare Definition der Einheiten sicher. Für Labore bedeutet das keinen zusätzlichen Aufwand bei der Messung, wohl aber eine sorgfältigere Angabe der Einheiten, sobald ein digitaler Kalibrierschein entsteht.
Künstliche Intelligenz wertet nur aus, was sauber beschrieben ist
Unter dem Titel „AI for metrology and metrology for AI“ hat FORUM-MD am 11. März 2026 einen Workshop zu künstlicher Intelligenz in der Metrologie ausgerichtet. Diskutiert wurden zwei Richtungen, einerseits KI als Werkzeug für bessere Kalibrierdienste und Zertifikate wie das Digital Calibration Certificate, andererseits die Frage, wie sich KI-Systeme selbst messtechnisch bewerten lassen. Datenqualität und Semantik bildeten dabei einen eigenen Schwerpunkt.
Im Labor zeigt sich der Nutzen an einer naheliegenden Aufgabe. Über Jahre gesammelte Kalibrierergebnisse eines Prüfzählers verraten, ob er langsam driftet, ob einzelne Messpunkte auffallen und ob sich das Kalibrierintervall verlängern ließe. Damit sich eine solche Historie automatisch auswerten lässt, muss jeder Wert seine Einheit, seine Unsicherheit und seine Herkunft mitbringen. Aus PDF-Archiven gelingt das allenfalls mit großem Aufwand, aus Datensätzen im Format Digital Calibration Certificate dagegen fast nebenbei.
Kalibrieren wird die KI deshalb nicht. Die eigentliche Messung gegen ein Normal, die Bewertung der Unsicherheit und die Verantwortung für das Ergebnis bleiben Aufgaben des akkreditierten Labors. Was sich ändert, ist der Umgang mit den Ergebnissen danach, und dafür liefert das Digital Calibration Certificate die nötige Struktur.
Dabei verstärkt jede Automatisierung, was sie vorfindet, im Guten wie im Schlechten. Ohne Verbindung zum nationalen Normal wertet jede Software nur Zahlen aus, keine Messwerte. Warum diese Verbindung über alle Stufen hinweg erhalten bleiben muss, erklärt unser Beitrag über rückführbare Kalibrierung.
Das Digital Calibration Certificate in der Zählerprüfstelle
Sobald in einer Zählerprüfstelle ein neuer Kalibrierschein eintrifft, landen seine Ergebnisse an mehreren Stellen gleichzeitig. Die Werte der Referenz- und Prüfzähler fließen in Korrekturwerte, in Fristen der Prüfmittelüberwachung und in das Messunsicherheitsbudget, auf dem jede Prüfaussage beruht. Heute geschieht vieles davon noch per Hand, mit entsprechendem Aufwand bei jeder Rekalibrierung. Liegt dagegen ein Digital Calibration Certificate vor, kann die Prüfmittelverwaltung neue Korrekturwerte übernehmen und zugleich festhalten, aus welchem Kalibrierschein sie stammen. Bei der nächsten Begutachtung durch die DAkkS ist diese Herkunft dann ohne Suche im Aktenordner belegt.
Digitale Kalibrierscheine können diesen Weg deutlich verkürzen, sie verlangen aber Vorbereitung auf der Empfängerseite. Die DAkkS beschreibt das DCC sinngemäß nicht als fertiges Produkt, sondern als offene Technologie, die jedes Labor an die eigenen Abläufe anpassen muss. Vier Schritte helfen beim Einstieg:
- Datenimport: Prüfen Sie, ob Ihre Prüfmittelverwaltung XML-Datensätze einlesen und den Feldern zuordnen kann.
- Schnittstellen: Klären Sie, an welcher Stelle Korrekturwerte und Unsicherheiten in Ihre Prüfsoftware gelangen sollen.
- Signatur und Archiv: Legen Sie fest, wie Signaturen geprüft und Datensätze revisionssicher aufbewahrt werden.
- Pilot: Beginnen Sie mit einem einzelnen Kalibrierlieferanten und einer Gerätegruppe, bevor Sie ausweiten.
Unsere Sicht aus Kalibrierlabor und Prüfsoftware
Für uns ist das Thema kein fernes Forschungsvorhaben, weil wir an zwei Stellen mit Kalibrierdaten arbeiten. Unser Labor stellt Kalibrierscheine für Referenznormale und Prüfzähler aus, die später selbst die Grundlage für Zählerprüfungen bilden. Wie schnell sich daneben das Digital Calibration Certificate durchsetzt, hängt auch davon ab, ob die Empfänger es verarbeiten können. Welche Messgrößen und Leistungen unsere DAkkS-Kalibrierung umfasst, beschreiben wir auf einer eigenen Seite.
Auf der anderen Seite steuert unsere Software WinSAM die Prüfabläufe an unseren Zählerprüfeinrichtungen automatisiert und dokumentiert die Ergebnisse. Die aktuelle Generation bringt erweiterte Schnittstellen zu bestehenden Systemen mit. Wie eine moderne Prüfsoftware Prüfstellen im Alltag entlastet, zeigt ein eigener Beitrag.
Das Digital Calibration Certificate verfolgen wir als Anforderung, die aus dem Markt auf Labore und Prüfstellen zukommt. Je früher Kalibrierdaten und Prüfdaten dieselbe Sprache sprechen, desto weniger Brüche entstehen zwischen Labor, Prüfplatz und Qualitätsmanagement.
Die OIML bringt die Digitalisierung ins gesetzliche Messwesen
Vom 26. bis 28. Oktober 2026 tagt das Internationale Komitee für gesetzliches Messwesen (CIML) zu seiner 61. Sitzung. Am Vormittag des ersten Tages steht ein Seminar über die Entwicklung des gesetzlichen Messwesens auf dem Programm, am zweiten Tag der Tagesordnungspunkt „Digital Transformation“ mit Berichten der Digitalization Task Group und des Internationalen Büros für gesetzliches Messwesen. Diese Arbeitsgruppe befasst sich unter anderem mit maschinenlesbaren OIML-Dokumenten und einem Leitfaden zu künstlicher Intelligenz. Beschlüsse liegen erst nach der Sitzung vor.
Warum sich der Blick auf diese Sitzung für Hersteller und Prüfstellen trotzdem schon jetzt lohnt? OIML-Empfehlungen prägen die Anforderungen an Elektrizitätszähler weit über Europa hinaus. Maschinenlesbare Fassungen dieser Dokumente würden Prüfanforderungen künftig direkter in Software übertragbar machen. Zusammen mit dem Digital Calibration Certificate entstünde so eine durchgängig digitale Kette von der Vorschrift bis zum Prüfergebnis.
Kalibrierung und Eichung bleiben dabei getrennte Welten mit eigenen Regeln. Das Digital Calibration Certificate entstand für die Kalibrierung, die OIML verantwortet das gesetzliche Messwesen, beide Wege zielen aber in dieselbe Richtung: Messinformation, die rückführbar ist und von Maschinen eindeutig verstanden wird.
Möchten Sie einschätzen, wie gut Ihre Prüfstelle auf digitale Kalibrierdaten vorbereitet ist, nehmen Sie gern Kontakt mit unserem Team in Königswinter auf.

